Montag, 9. Juni 2014

Pelzanemonen

3.4.2014
Heute bin ich doch etwas erstaunt. Bei meinem Besuch liegt I. angezogen im Bett. Sie bekommt gerade das Abendessen eingegeben. Die FaGe bestätigt, dass Mutter heute im Rollstuhl gesessen und dort das Mittagessen eingenommen hätte, was ihr gut getan habe. Etwa um 13:30 Uhr habe sie ins Bett gewollt.
I. scheint gut drauf zu sein. Ihr Teint ist wieder etwas rosiger als in den letzten Wochen.

An der Wand hängt ein Fotokalender mit Bildern aus dem Bergdorf, Mutters Heimat. Jetzt, im April, kommt das erste Frühlingsbild mit jener ganz speziellen «Frühlingspatina» die einen auf 1800 Meter über Meer jedes Jahr von neuem berührt, ja, verzaubert. Im Vordergrund zeigt es Pelzanemonen, im Hintergrund, leicht verschwommen, zwei charakteristische Berge. Ich erzähle I. das Foto und scheine damit ein Signal gegeben zu haben. Sofort wähnt sich I. am «schönsten Ort auf der Welt» und erzählt vom Spaziergang, den sie gerade über den Höhenweg macht. Dieser führt nämlich an einer jener Stellen vorbei, wo besonders viele Pelzanemonen blühen.

Mir fällt auf, dass I. heute körperlich viel mehr in Bewegung ist, als in den letzten zwei Wochen. Sie nestelt an der Kleidung, reibt sich an der Nase und am Auge, und hält zeitweise den Trinkhalm selber.

I. will etwas von den Wasserfällen erzählen, doch das Wort will ihr nicht gelingen. «Manchmal kann ich gar nicht mehr richtig sprechen.» «Gell, manchmal weiss man ein Wort oder einen Namen, und just dann, wenn man das aussprechen will, ist's weg, vergessen.» «Ja, genau so. Aber bei mir ist es natürlich altersbedingt.» reagiert sie glasklar im Hier und Jetzt.

Mutter erzählt, dass sie sich gar nicht erklären könne, weshalb sie jeden Tag Besuch von der «Frau von der Kirche» bekomme. Statt wie bisher Schokolade, habe diese die letzten Tage jeweils Kalender verteilt. «Meinst du Frau R.?» «Nein, eine andere habe den Namen vergessen. Frau R. kam früher auch schon mehrmals zu mir, mit Schokolade.» 
Ich glaube, I. verwechselt eine neue deutsche FaGe mit der ebenfalls deutschen Diakonin.

«Hat die Schule schon begonnen?» fragt sie mich unvermittelt. «Welche Schule meinst Du?» «Immer im Frühling beginnt doch die Schule wieder. Ich muss wissen, ob sie schon begonnen hat, ob ich meine Kinder in die Schule schicken muss. … … Gut, ich habe meine Kinder jetzt einmal geschickt. ... Wir werden sehen.»

Dann erzählt I. aus ihrer Kinder-, Schul- und Jugendzeit, von vielen Abenteuern und Streichen, die sie erlebt und angezettelt hatte. Ihre Stimme ist erstaunlich fest, ihre Sprache meist sehr klar und deutlich. Etwas irritiert vernehme ich hingegen (Schimpf)Wörter aus dem Mund meiner Mutter, die bisher nicht zum Vokabular unserer Familie gezählt haben.

Wir machen noch einen virtuellen Abstecher zu den vor einigen Wochen gekauften weissen Schuhen (Fiktion), zum Bazar der Kirchgemeinde und zum Saisonausverkauf der Kleider- und Schuhgeschäfte im Bergdorf. Nach einer Episode aus ihrem Arbeitsalltag als Posthalterin in der Zweig-Poststelle fragt mich Mutter plötzlich, wann das neue Pflegeheim im Bergdorf bezugsbereit sei (Realität) und ob ich dann dort hinziehen würde. Die Antwort gibt sie gleich selber: «Mit Deiner Praxis ist das ja nicht möglich. Im Dorf hättest Du kein Auskommen damit und in der Stadt hat es genug solche, die haben nicht auf Dich gewartet. Ausserdem wäre das ja widersinnig, wenn Du täglich vom Dorf in die Stadt hinunter fahren müsstest. … … Ich hingegen würde gerne ins Bergdorf zügeln.» «Mami, du würdest oben fast niemanden mehr kennen.» «Das macht mir nichts aus, das Dorf ist meine Heimat. Darum geht es.» Da ist das nächste Stichwort gefallen, das mit einem Schalter versehen zu sein scheint: Heimat. «Nimmst Du mich heute mit?» «Wohin?» «Nach Hause. Sag jetzt nur nicht, ich sei hier zu Hause! Hier, in diesem Korridor, bin ich ganz sicher nicht zuhause! Diese Woche musste ich dreimal im Wald und einmal draussen im Korridor schlafen, in so einem uralten, unbequemen Kinderwagen.»

Unvermittelt und genau zum richtigen Zeitpunkt bittet mich I., ihr die Tagesschau im TV einzuschalten.

Heute fällt Mutter der Abschied leicht. Ich solle aufpassen beim Autofahren und bald wieder kommen, ermahnt sie mich, und G. grüssen, von dem sie bei meinem Kommen wissen wollte, was er denn so mache.


Wiederum habe ich innerhalb einer guten Stunde eine grosse Spannbreite an Erlebnissen erfahren. Unbeschreiblich, was ein Gehirn zu leisten imstande ist. Fast ein bisschen beängstigend, diese Gleichzeitigkeit der Welten nicht nur als quantenphysikalische Annahme zu verstehen, sondern sie hautnah zu erleben.

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