Montag, 9. Juni 2014

Ich möchte sterben

31.05.2014
Es ist fast 17 Uhr, als ich bei I. eintreffe. Sie sitzt im Rollstuhl. Das Klemm-Tischlein ist nicht richtig befestigt. Im TV, dessen Ton wie meist für Mutters Ohren viel zu laut eingestellt ist, läuft «Sissi». Auf ihrem Tischchen stehen ein Becher mit Milchkaffee und einer mit Trink-Schokolade, beides erkaltet. Dem Trinkprotokoll entnehme ich, dass I. seit 15 Uhr nichts mehr zum Trinken gekriegt hat.

Als erstes bittet mich Mutter, das «laute Sissi-Zeug» auzuschalten. Ihr sei schlecht, sie habe Durst, unerträgliche Schmerzen, vor allem am Dekubitus beim Steissbein und sie könne den Kopf kaum mehr halten. Dieser ist so stark nach hinten geknickt, dass das blosse Hinsehen schon schmerzt. Ein Kissen, das irgendwo hätte stützen sollen, liegt am Boden.
Heute ist es unmöglich, Mutter im Rücken- oder Nackenbereich ein zusätzliches Kissen einzuschieben; sie ist völlig versteift. Von der mitgebrachten Eiscrème verzehrt Mutter gerne ein respektables Stück. Ein kurzer Moment süsser Ablenkung vom stundenlangen Leiden.

Mutter erzählt, dass sie nun schon mehrere Stunden hier sitzen müsse, obwohl sie längst ins Bett möchte. Auffallend, wie schwer ihr heute das Sprechen zu fallen scheint, zusätzlich erschwert durch häufiges Abhusten von Schleim. «Rosemarie, ich möchte sterben.»  «Das glaube ich Dir und kann es gut verstehen. Mami.» «Ich möchte einfach sterben können, Rosemarie!» «Ja, Mami, das wäre eine Erlösung, gell. Ich verstehe Deinen Wunsch, doch helfen kann ich Dir dabei nicht; tun musst Du es selber.»
Die eintretende FaGe unterbricht unser Gespräch und bestätigt, dass I. seit 14 Uhr im Rollstuhl sitzt. Man wisse auch nicht mehr weiter, was inbezug auf den Dekubitus zu tun sei. Sie bringt Mutter zu Bett.
Heute beobachte ich wiederum eine besondere Methode der Medikamenten-Eingabe: Während Mutter ziemlich flach liegt (ihr Kopf ist spastisch auch im Liegen sehr stark nach hinten gebogen), schiebt ihr die FaGe zuerst eine Pille in den Mund und versucht dann, diese mittels der Morphintropfen hinunterzuspülen. Dazu leert sie die Tropfen einfach in Mutters Mund. Wenn man sich bewusst wäre, dass Parkinsonpatienten oft (und gerade in gefühlten Stress-Situationen) eigentliche Schluckblockierungen haben, käme man bestimmt nicht auf so eine absurde Idee. Obwohl noch mit wenigen verkrampften Schlucken Kaffee nachgespült wird, stelle ich später fest, dass Mutter die Tablette noch immer im Mund hat. Sie klärt mich auf, dass sie oft Tabletten im Mund zergehen lassen müsse, weil sie diese nicht schlucken könne.
Zusammen mit zwei Stücklein Schokolade gelingt es ihr dann doch noch, die Pille in den Magen zu befördern.

Mutter möchte dösen, während ich am Bett sitze. Derweilen lese ich in der Dorfzeitung die bis vor kurzem noch geliebten Nachrichten aus ihrem Bergdorf.

Unvermittelt bittet mich I. um Geld und erzählt vom neu gekauften «Deux-Pièces» und einem Pyjama für J., meinen Bruder. Beides sei nicht teuer gewesen, doch habe sie eigenartigerweise nichts bezahlen müssen und auch keine Rechnung erhalten. Das neue Kleidungsstück hänge im Schrank, ich solle es anschauen und sagen, ob es mir gefalle, fordert sie mich auf. Ob sie es als Sonntagsgewand gekauft habe, will ich wissen. «Nein, nicht nur.» murmelt sie, geistig bereits an einem anderen Ort weilend. Dass heute Vormittag der Blasenkatheter ausgewechselt worden sei, scheint ihr noch wichtig zu berichten.

Kurz bevor das Nachtessen serviert wird, verabschiede ich mich. «Chumm guet hei, heb Sorg zueder!»


Mehr noch als ihre klaren Abschiedsworte hallt heute Mutters eindringlich wiederholter Sterbewunsch nach...

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